Dein stiller Begleiter
Tanz mit dem Tod,
bis die Melodie „Leben“ verstummt.
Voller Leidenschaft umschlungen seit ihr Eins von Anbeginn des Seins,
als der Atem dich durchströmte.
Ihr Tanz, die Melodie, die Leben heißt, mit Trommeln und Klavier.
Die vergangenen Tage verblassen, in bunten Farben strahlten sie einst
wie ein Flügelschlag im Sonnenlicht.
Die Glut wie Lava aus dem Vulkan
dein Leben verbrennt.
Doch du tanzt diese Melodie weiter,
sie klingt voller Sehnsucht in dir fort und heiter.
Du gleitest über diese Grenze des Lebens, kehrst zurück.
Du tanzt das Leben. Dein Begleiter ist dein bester Freund, der Tod.
Er weicht nicht von dir bis die Melodie verstummt.
31.03.2016 © ina stoyianndis
Das warten auf ein Spenderorgan und die Realität - "Leben"
Dieses Bild vor mir.
Zurück in mein Leben - ein Wunsch wurde Wirklichkeit. Ich öffnete die Augen, mein Blick fiel sofort auf das Bild vor mir an der Wand. Es war unfassbar, nein unglaublich, was ich sah. Mir war sofort klar, dass, was mit mir geschehen war, ist zutiefst in Ordnung und in mir wuchs eine tiefe Dankbarkeit heran, die so groß bis unendlich in mir ist. Ein Glücksgefühl, dieses Gefühl zu spüren, liefen Tränen mir hinab auf das Kissen wo ich lag. Es war ein Einzelzimmer mit Maschinen, die mir den Atem gaben, denn ich konnte noch nicht selber ein- und ausatmen. Ja, ich war am Leben. Ich erwachte sozusagen im neuen, alten Leben ganz langsam und alleine mit diesem Bild vor mir (von meinen Spender). Ich darf leben, was für ein Schicksal?!
Das Bild, was ich sah, kannte ich bereits. Das Motiv hatte ich ein Jahr zuvor im Wörlitzer Park geschossen. Es war ein See mit einer Brücke und am Rande ein paar Menschen. Dieses Motiv nahm ich für mein Gedicht „Unbekannt“, welches ich für meinen Spender schrieb. Ein Jahr vor meiner OP ist es entstanden. Gedichte sind sozusagen meine kleine Leidenschaft. Das Bild vor meinen Augen zeigte mir einen See mit zwei Brücken. Wie unglaublich war das für mich. Also ein Gruß von meinem Spender? Kannte er das Gedicht von mir und gab mir dieses Bild als Wiedererkennen zurück?
Diese Organspende war also zutiefst in Ordnung für mich. Die zwei Brücken zeigten mir den Übergang von Unbekannt zu mir in meinen Körper. Danke für mein Leben, was so nah am Abgrund sich befand, was ich nicht sah und nicht wollte, doch so real war. Ich ständig mit diesem unsichtbaren Feind in mir, der meine Lunge zerstörte, kämpfen musste. Es war einfach sehr sehr anstrengend auf Dauer und so hoffnungslos für mich, da es keine wirklichen Medikamente gab, um zu gewinnen. Die Zeit lief gegen mich oder für mich? Diesen Kampf hätte ich irgendwann verloren, egal wie groß mein Wille wäre.
Mein Mut verließ mich doch in dieser schwierigen Zeit so manches Mal, ich lebte alleine, weil ich es so wollte. Meinen langjährigen Freund hatte ich zuvor verlassen in der schlimmsten Zeit meiner Gesundheit. Wir lebten jeder für sich in seiner eigenen Welt. Ich wollte so nicht bis zu meinem Ende weiter leben. Also ging ich in ein unbekanntes Leben, ohne zu wissen, wie lange noch dieses sein würde.
Abends konnte ich mal wieder nicht schlafen, wie so oft. Der Abend war schön mild und in der Nacht ging ich auf meine Terrasse. Ich blickte in den Sternenhimmel. Eine grandiose Sternschnuppe fiel und ich hatte immer nur diesen einen Wunsch „leben“ zu können, frei sein von dieser Enge in der Brust. Diese Sternschnuppe war ein wunderbares Gefühl für mich. Vielleicht ein Zeichen einige Tage vor meiner Transplantation. Ich war voller Hoffnung und ich überlegte, wie lange ich wohl noch warten müsse und ob ich es erleben würde diese Transplantation, die ich mir so sehr wünschte und so sehr nah war.
Bei mir sah es wieder einmal aus, wie bei einer Schlacht, aber diese war von Infusionsmaterial, Kompressen, Desinfektionsmittel und Medikamenten bestimmt und ich mit meinem Sauerstoffschlauch 20m lang stand im Raum herum. Die Umzugskartons standen alle noch da und waren zum Teil geöffnet. Sie sagten mir immer, packe uns aus … lass uns einziehen in dein Leben. Das war nun mein neues, unbekanntes Leben… alles auf Anfang, nur etwas fehlte mir, es war einfach die Luft zum Atmen und die Kraft zum Auspacken.
Im Oktober ging es mir doch irgendwie so richtig mies nach einer dreiwöchigen Kur zuvor, wo ich dachte, dass es mir wieder besser geht. Naja! Ich erinnere mich noch heute, was ich früher getan hätte, als ich am Ende war. Ich sprach mit meiner Schwester und so fuhr ich zu ihr auf den Friedhof am frühen Abend, was ich sehr sehr lange nicht mehr getan hatte, um mit ihr zu sprechen. Uns verband diese Krankheit, nur sie hatte keine Chance, meine Not war so groß und ich war so alleine. Also stand ich an ihrem Grab und sprach mit ihr, flehte sie an, mir doch zu helfen ... egal wie. Sie solle doch was machen, weil ich einfach wirklich nicht mehr konnte, Tränen liefen zu Boden und ich fuhr wieder in mein neues Zuhause mit den vielen Umzugskartons. Wer sollte die alle auspacken? Ich hatte ja Zeit, aber keine Luft und Kraft.
Zwei Tage später klingelte mein Handy. Ich befand mich im Auto und fuhr gerade am Abend nach Hause. Ich kam vom Essen - es war wieder mal ein Date. Was sollte ich zu Hause rum sitzen und mir den Kopf weiter zerbrechen, das tat ich ja oft genug und was hatte ich zu verlieren? Nichts.
Die Stimme am anderen Ende war eine Frau. Es war Frau Dr. S. aus Hannover. Sie fragte mich, wie es mir geht und ob ich soweit ok bin? Sie haben eine Lunge für mich. Ich begriff gar nicht so recht, was sie mir erzählte. Sie fragte mich dann, ob ich die Lunge wolle. Ich sagte ja. Ich bin ok. Ob ich diese Lunge wollte? Was für eine Frage … Ja klar, wollte ich diese. Nichts mehr als alles andere auf der Welt wollte ich diese Lunge schon mein ganzes Leben lang. Zu Hause begriff ich, was gerade geschehen war. Ich war außer mir vor Freude und musste in der Aufregung und 200% Adrenalin noch so Einiges in der Kürze regeln. Mein langjähriger Ex-Freund wusste auch schon Bescheid und kam mir entgegen. Ich war doch etwas verwundert, weil Hannover keine Telefonnummer von mir gefunden hatte. Sie riefen bei Ihm an. Was für ein Glück, dass er da war. Oh Gott - .
Wir waren ja Freunde geworden, er und ich.
Mein kleiner Hund, mein Ein und Alles, ging zu ihm, bis zur Wiederkehr in mein neues Heim, was in den Sternen stand. Ich lief in meiner Wohnung hin und her wie ein Huhn, suchte meine Sachen zusammen. Weil ein gepackter Koffer mir doch so wenig erschien, packte ich noch ein paar Sachen. Ich ging ja auf eine Weltreise - ach nein, in die ersehnte OP. Ich wusste gar nicht, was ich alles so brauchte. Ich war konfus, zum ersten Mal. Dann dieses Glücksgefühl in mir – grandios, glücklich, das ist Glück, nicht greifbar - einfach da aus dem Nichts. Oder waren meine Gebete und alles Andere in den weiten des Universums angekommen und mir konnte geholfen werden? Half mir meine Schwester doch aus einer anderen Welt? Danke dafür.
Ich rief dann meine Mutter an, dummerweise hatte ich ein Prepaid-Handy. Mein Guthaben so gut wie alle, um diese Uhrzeit ein Verhängnis für mich. Ich erzählte ihr, was jetzt geschehen ist und um mich bei ihr zu verabschieden mit dem Satz: "Das ich es schaffe und wiederkomme", wie lange es dauern würde, wusste ich nicht. Obwohl ich es nicht wirklich wusste, um sie zu beruhigen, sagte ich es und ich war voller Hoffnung und Freude. Meinem Bruder gab ich auch noch Bescheid. Dann war das Guthaben so gut wie alle. Man war ich dankbar für diesen schönsten Anruf in meinem Leben.
Glücklicherweise hatte ich diesen wunderschönen Nachmittag mit meiner lieben Mama verbracht. Wir haben gemeinsam bei mir auf der Terrasse unsere Kaffeezeit gehalten mit selbst gemachten Kuchen, der jetzt in der Küche stand und noch soviel davon da war. Wer sollte den essen? Egal. Ich hatte gerade Infusionstherapie, musste ich die noch weiter machen? Keine Ahnung.
Es folgten noch 2 Anrufe aus Hannover und dann ca. 2 Stunden später standen die Johanniter, 2 nette, hübsche Männer, vor meiner Tür, um mich abzuholen in ein „neues Leben“. Glücklich lief ich diese letzten Schritte in meinem alten Leben zum Krankenwagen mit meiner O2-Flasche auf dem Rücken die wenigen Stufen zum Auto hin. Ich war in diesem Jahr gerade 40 Jahre geworden im Juni, was für eine Zahl, für mich einfach unglaublich, aber Wirklichkeit.
Ich schrieb einigen Freunden noch eine letzte Nachricht mit meinem Handy. Diese Fahrt nach Hannover ging 3 Stunden durch diese wundervolle Nacht für mich, ohne zu wissen, was alles auf mich wartet. Endlich kamen wir an und fanden den Eingang nicht. Ich dachte mir, das kann doch nicht wahr sein, auch das noch. Endlich in der Klinik drinnen wurden einige Untersuchungen durchgeführt und ne Menge Blut abgenommen, dann kam die längste Nacht meines Lebens. Das Warten begann von neuem. Ob ich diese Lunge bekommen kann, Bangen und Hoffen krochen an mir hoch und runter. Ab und zu schlief ich ein und endlich kam jemand und gab das Ok. Endlich, endlich ging es los. Der Narkosearzt war sehr nett und etwas älter. Er erzählte mir etwas, eine Besonderheit hatte er an sich, ganz dicke Ohrläppchen und dann schlief ich tief und fest ein, so lange, bis ich wieder erwachte und dieses Bild vor mir sah.
Ich hörte nicht auf mit dem Leben, nein es begann von neuem. Ich konnte nicht alleine atmen, das musste ich erst neu erlernen, was ich schnell begriff. Die Tipps waren so gut, dass ich sie schnell umsetzen konnte. Trotzdem musste ich die ersten Tage mich immer selber daran erinnern, dass ich Luft holen muss. Ich hätte einfach aufhören können, das wäre kein Problem für mich gewesen. Der automatische Reiz musste erst trainiert werden. Nach einigen Tagen ging es dann problemlos. Nach einer grausamen Woche voller Schmerzen im Brustraum, wo ich kaum schlafen konnte, führte mein 1. Weg mich vermummt mit Kittel und Handschuhen und Mundschutz in den Klinikpark. Krumm durch die Schmerzen lief ich aber glücklich an die frische Luft. Ich hatte es geschafft. Der Anfang, alles unklar, was wird. Aber ich wollte nur einfach leben. Nach drei harten Wochen kam ich zur Anschluss-Kur für weitere 3 Wochen und dann bekam ich meine erste Abstoßung. Die Lunge verlor ihre Kraft und die Funktion wurde weniger.
Angst und Panik kam auf einmal zu mir zurück. Ich konnte doch gerade erst 3 wundervolle Wochen laufen, atmen und lachen ohne Ende mit einer wunderbaren Freundin. Ich lief das erste Mal 3 Etagen problemlos hoch und runter. Alles in Gefahr? Ich bekam meine erste Infusion gegen diese Abstoßung. Endlich konnte ich nach Hause, es stand Weihnachten vor der Tür. Die Freude auf mein neues Heim war wieder da.
Alles schien gut zu laufen, nur etwas unsicher im neuen Leben. Das neue Jahr begann mit meinem Liebling auf dem Arm. Wir standen am Fenster und blickten in den Himmel und sahen die Raketten, wie sie den Himmel erleuchteten. Wir begrüßten das neue Jahr. Langsam merkte ich, etwas stimmt nicht. Die Luft wurde wieder schlechter und so fing meine Odyssee von vorne an. Es begann wieder der Kampf um das Leben. Ich hatte mehrere Abstoßungen und bekam Infusionstherapie gegen diese Abstoßungen. Ich wollte mein neues Organ nicht verlieren und doch war die Angst da. Die nackte Angst kommt, ohne dich zu fragen. Die neue Luft wurde knapp und grausige Geräusche machte meine neue, tolle Lunge auf einmal. Was war das nur? Ich hatte Angst. Wieder nach Hannover, das war dann fast wöchentlich. Um nur Luft zu bekommen, bekam ich Bronchoskopien und viele Laserbehandlungen der neuen Lunge. Diese tat manchmal weh bei vollem Bewusstsein nur mit örtlicher Betäubung des Rachens. Dann bekam ich wieder besser Luft. Leider ging das nicht lange gut. So wurde ich neu operiert und ich bekam einen Stent in meine Lunge. Das war echt Klasse. Alles war wieder gut. Ich konnte wieder mein Dasein genießen. Bis alles wieder neu begann, wieder Hannover, wieder Bronchos und Lasern der Lunge und eine neue Operation - die 2. und wieder ein Biostent. Alles gut, nur wie lange dachte ich mir dieses Mal. Ich war dem Tod so nah, wie noch nie zuvor. Ich wusste auf einmal nicht mehr, ob ich das noch alles wollte. Beneidete sogar meine verstorbenen Freunde. Ich konnte nicht mal mehr meine Wohnung verlassen. Ich wollte eigentlich in den Urlaub, aber wie hätte das gehen sollen ? Dr. G. rief an und nahm mir die Entscheidung ab, ich kam zur nächsten Operation ins Krankhaus und nicht in den Urlaub.
Es lief alles wieder bestens und ich war voller Zuversicht, nach einer Woche konnte ich wieder nach Hause. Meine Medikamente wurden umgestellt und alles wurde besser.
Das Leben lernt einen, was wirklich wichtig ist. Das Einfache! Das Leben ist immer nur jetzt und nicht Morgen oder Übermorgen..
(c) Ina Stoyiannidis